Schauspiel-Nachwuchs bringt Emotionen auf die Bühne

Eine hervorragende Leistung hat das Ensemble von Thea(l)ternativ in Stollberg geboten. Mit drei Stunden war die Aufführung von "Romeo und Julia" mehr als opulent.

Von Cristina Zehrfeld
Foto: Jens Uhlig


Stollberg. Eine tragische Geschichte mit anspruchsvollen Dialogen, umfangreichen, dramaturgisch ausgefeilten Fechtszenen, einem üppigen Tanzball und einem bestens aufgelegten Ensemble ist im aktuellen Stück der Amateurtheatergruppe Thea(l)ternativ des Theaterpädagogischen Zentrums zu erleben. In ihrer 18. Spielzeit haben die "Theas" die Tragödie "Romeo und Julia" inszeniert. Silke Bauer-Hollenbach (Buch und Regie)hat daraus ein fast dreistündiges, opulentes Spektakel gemacht, das sowohl stimmig im Gesamtkonzept als auch genau im Detail ist.

Die Titelfiguren sind mit Priscilla Kluge (Julia) und Christian Schreier (Romeo) bestens besetzt. Doch nicht allein die Glaubwürdigkeit des bekannten, literarischen Liebespaares macht die Aufführung zu einem besonderen Erlebnis. Auch die vielen größeren und kleineren Nebenrollen sind als unverwechselbare Charaktere deutlich herausgearbeitet und verkommen bei dieser Inszenierung nie zur Nebensache. Ralf Müller (Graf Capulet) und Ines Rau (Gräfin Capulet) bieten als Eltern Julias eine emotionale Spannbreite von überlegener Ungezwungenheit bis hin zu zügellosem Zorn. René Kaps (Mercutio) und Lukas Hübsch (Benvolio) leben als Freunde Romeos ihren jugendlichen Überschwang aus, bei dem sie sogar restlos betrunken über die Bühne wanken dürfen. Anett Oesterreich (Simson) und Franziska Steindl (Gregorio) zeigen sich als Bedienstete im Hause Capulet frivol-burschikos und bei Tafel geradezu köstlich verfressen. Und vor dem unbändigen Zorn von Nicolas Schulze (Julias Cousin Tybalt) könnte sogar der Zuschauer Angst bekommen. In einer Paraderolle ist wieder einmal Katrin Zeidler zu erleben, die als Julias Amme mit geistiger Schlichtheit und treuherzig-naiver Redseligkeit den Saal am Samstag zum Toben brachte.

Die intensiven Vorbereitungen mit professionellem Fechttraining beim Oelsnitzer Fechtclub und der Einstudierung des historischen Gesellschaftstanzes durch die Leipziger Tanzlehrerin Mareike Greb kommt bei der Aufführung voll zum Tragen. So werden die teils tödlich endenden Duelle zwischen den kämpfenden Rivalen immer wieder zu szenischen Höhepunkten.

Der umfangreiche Originaltext wurde mit Bedacht gekürzt. Trotzdem bleibt die Aufführung mit fast drei Stunden Spielzeit eine Herausforderung fürs Publikum, wie Silke Bauer-Hollenbach einräumte: "Shakespeare ist der Wagner unter den Dramatikern."

Mit der aktuellen Inszenierung ist Thea(l)ternativ wieder einmal großes Theater geglückt. Abgerundet wird das nahe am Original bleibende Stück durch eine sparsame, aber effektive Kulisse. Ein typisch italienischer Marktbrunnen ist mit wenigen Handgriffen zur noblen Sitzbank umgebaut. Auf variablen Beistelltischen wird schnell das üppige Leben der wohlhabenden Familien von Verona in Szene gesetzt. Einzig die sehr bekannte und beliebte Balkonszene bleibt auch im Szenenbild bewusst vertraut: "Den Balkon können wir nicht weglassen. Darauf wartet der Zuschauer", so Silke Bauer-Hollenbach. Und so blieb viel Platz zum Spielen.

Der ist auch nötig bei den noblen Herren mit ihren Degen und den Damen in ihren weit, ausladenden Kleidern. Die prächtigen Kostüme, wurden in diesem Jahr bei den Städtischen Theatern Chemnitz ausgeliehen.

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(Freie Presse STOLLBERGER ZEITUNG vom Montag, 09. November 2015)